Wer ein Startup gründet, hat oft wilde Vorstellungen davon, wie das eigene Unternehmen mit Themen wie Mitarbeiter*innenführung, Hierarchie und Verantwortlichkeit umgehen soll. Die Chancen stehen gut, dass die guten Vorsätze an der praktischen Umsetzbarkeit scheitern. Bei Wildwax Tuch gehen viele Abläufe scheinbar unkonventionelle Wege – kein Problem, wenn die Strukturen transparent bleiben und das Team am selben Strang zieht.

Die meisten Menschen haben vielseitige berufliche Erfahrungen gemacht, sei es durch die häufig befristeten Arbeitsverträge großer Unternehmen, die individuelle Lust am inhaltlichen Tapetenwechsel oder die Notwendigkeit mehrerer Minijobs. Nicht all diese Erfahrungen waren gut oder wenigstens lehrreich. Wenn man also ein eigenes Unternehmen gründet, wie wir (Sabrina, Omar und Lotte) es 2017 mit Wildwax Tuch getan haben, werden all diese Erfahrungen notwendigerweise wieder zu Tage gefördert. Sie werden zugunsten einer eigenen Unternehmensphilosophie ausgewertet und – wo nötig – auf ihre Vermeidbarkeit hin überprüft. Was am Ende steht, klingt zunächst wie wenig umsetzbarer ideeller Kitsch: das Unternehmen als Idealort für ein menschliches Miteinander, mit flachen Hierarchien, gleichberechtiger Kommunikation und Raum für individuelle Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Doch nach fast zwei Jahren Wildwax Tuch ist diese Theorie zu einem tatsächlichen, bunten Haufen verschiedenster Menschen herangewachsen: Angestellte, Student*innen, An- und Ausgelernte, Handwerker*innen, Freiwillige, Aushilfskräfte, Freund*innen sowie deren Kinder und Tiere teilen sich in wechselnder Besetzung Werkstatt, Büro und Spielecke in der Frankfurter Manufaktur. Die Zusammenarbeit profitiert von den unterschiedlichsten Lebenswegen, Erfahrungsschätzen und Perspektiven, die unsere Mitarbeiter*innen mitbringen. Man lernt von- und miteinander, wächst gemeinsam mit den Herausforderungen eines Startups und meistert kleine und große Hürden durch steten und engen Austausch. Vielfalt, Flexibilität und Offenheit im Team ist besonders dann Gold wert, wenn viel in Eigenleistung erreicht werden soll (oder muss) – sei es bei der Produktion, Technik, Versand, Textarbeit, Gestaltung oder Konzeption.

Darüber hinaus sorgen große geteilte Büroräume im Versand für lückenlose Kommunikation, die Produktion setzt auf lange Werkbänke, an denen die Mitarbeiter*innen sich gegenüberstehen und somit schnell über kleine und große Fragen zum Arbeitsablauf (oder das vergangene Wochenende) austauschen können. Durch gemeinsame Mittagessen oder Geburtstagsständchen bleibt nicht nur die gute Stimmung in stressigen Phasen aufrecht, sondern es entwickeln sich tiefe Verbundenheiten, die auch im Geschäftsalltag für einen engen Zusammenhalt im Team und ein positives Arbeitsempfinden sorgen.

Dieser Zusammenhalt beseitigt dann auch den letzten Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer transparenten Unternehmensführung. Gründer*innen, Angestellte und Freelancer begegnen sich auf Augenhöhe und mit Respekt vor den Kompetenzen der anderen, wodurch selbst Ein- und Ausnahmen offen besprochen und Arbeits- und Urlaubszeit von den Mitarbeiter*innen selbstständig geplant werden können. Wo der reibungslose Produktionsablauf gefährdet wird, werden wie selbstverständlich Kompromisse geschlossen und Lösungen gefunden, mit denen alle zurechtkommen.

Das soziale Experiment, das mit Wildwax Tuch gestartet wurde, funktioniert – so lange alle am Projekt beteiligten Personen dasselbe Ziel nicht nur kennen, sondern gemeinsam verfolgen. Für uns hat es sich bis heute ausgezahlt, an gewissen Grundsätzen des menschlichen Miteinanders festzuhalten und können andere Startups nur dazu ermutigen, dies ebenfalls zu tun. Bei Wildwax Tuch ist ein organisches und gleichberechtigtes Arbeitsumfeld entstanden, das kein idealistisches Luftschloss, sondern eine realistische und gewinnbringende Kollektivleistung darstellt, die unser Team bis heute glücklich und dankbar macht.